Oct 9, 2026
Demokratie verstehen und im Alltag stärken
Wie schützt eine Demokratie diejenigen, die in der Minderheit sind? Woran erkennt man rechtsextreme Ideologien? Und was können wir tun, wenn Menschen ausgegrenzt werden? Mit diesen Fragen beschäftigten sich Schülergruppen am Schillergymnasium Münster in der Ausstellung „Demokratie stärken – Rechtsextremismus bekämpfen“ der Friedrich-Ebert-Stiftung. Das Schillergymnasium hatte die Ausstellung ausgeliehen und damit einen Ort geschaffen, an dem politische Bildung mit dem eigenen Alltag in Verbindung gebracht werden konnte.
Durch die Ausstellung führten Schüler:innen der Einführungsphase der Oberstufe. Im Rahmen des UNESCO-Projekttags waren sie zu Ausstellungsbegleiter:innen ausgebildet worden. Nach den Sommerferien übernahmen sie vier Wochen lang die Führungen von Schülergruppen durch die Ausstellung. Dabei vermittelten sie Wissen, stellten Fragen und moderierten Gespräche. Das Peer-to-Peer-Lernen gab den Themen einen unmittelbaren Bezug zur gemeinsamen Lebenswelt.
Ein Schaf und neun Wölfe
Die rund 60-minütigen Peer-Führungen waren in fünf Abschnitte gegliedert: Einstieg, Demokratie, Rechtsextremismus, dessen Ursachen und Erscheinungsformen sowie rechte Gewalt und Handlungsmöglichkeiten.
Die Ausstellung beinhaltete sechs Stelen mit grundlegenden Informationen, einen Medientisch zur Vertiefung und Würfel, die zu Aktivitäten und Austausch einluden. Auch die Ausstellungsfiguren Anna und Samir wurden eingeführt. Ihre Erlebnisse und Gedanken schlagen auf den Stelen eine Brücke zum Alltag junger Menschen.
Gleich zu Beginn wurde die Gruppe selbst aktiv: Aus den Würfelseiten setzte sie eine Karikatur zusammen. Neun Wölfe und ein Schaf stimmen darin über ihr Abendessen ab. Wäre es demokratisch, wenn die Mehrheit beschlösse, das Schaf zu essen? Die Diskussion führte zu einer zentralen Erkenntnis: Demokratie braucht neben Mehrheitsentscheidungen auch Grundrechte und den Schutz von Minderheiten.
Was Demokratie ermöglicht und was sie bedroht
Die ersten beiden Stelen, „Warum Demokratie?“ und „Demokratie im Alltag“, vertieften diesen Gedanken. Texte, Fotos und Grafiken erläutern Selbstregierung, Gewaltenteilung und persönliche Freiheiten. Bilder von einer Wahlurne, einer Parlamentsdebatte, einer Demonstration und einem Schüler:innenparlament zeigen unterschiedliche Formen politischer Beteiligung. Anhand einer Grafik zur Kompromissfindung besprachen die Gruppen, wie Menschen mit unterschiedlichen Interessen gemeinsame Lösungen aushandeln können. Dabei ging es auch um die eigene Schule, die Familie und die Frage, welche Voraussetzungen Mitbestimmung braucht.
Besonders deutlich wurde der Gegensatz zur Demokratie auf der dritten Stele „Was ist Rechtsextremismus?“. Eine Grafik stellt das demokratische und das rechtsextreme Menschenbild gegenüber: Gleiche Würde und gleiche Rechte für alle stehen einer Ideologie gegenüber, die Menschen nach ihrer zugeschriebenen Zugehörigkeit bewertet, abwertet und ausschließt. Was würde das für das Zusammenleben bedeuten? Diese Frage machte die Folgen eines solchen Weltbilds greifbar.
Die Ausstellungsbegleiter:innen erläuterten außerdem sechs Elemente rechtsextremer Ideologie: die Befürwortung einer Diktatur, Nationalismus, Rassismus, Sozialdarwinismus, Antisemitismus und die Verharmlosung des Nationalsozialismus. Sozialdarwinismus meint dabei die Vorstellung, die Stärkeren dürften sich auf Kosten vermeintlich Schwächerer durchsetzen. Grafiken und Infoboxen verdeutlichen den gemeinsamen Kern dieser Elemente: die behauptete Ungleichwertigkeit von Menschen.
Samirs Schilderung eines verletzenden Spruchs im Deutschunterricht brachte das Thema Alltagsrassismus zur Sprache. Ein Mitschüler grenzt ihn durch eine Bemerkung über seine vermeintliche Zugehörigkeit aus. Die Gruppen diskutierten, warum solche Worte verletzen und wie Mitschüler:innen reagieren können. Nicht mitlachen, widersprechen und Betroffene unterstützen: Hier wurde aus der Beschäftigung mit einem Ausstellungsbeispiel die Frage nach dem eigenen Verhalten.
Die vierte Stele „Was ist Rechtspopulismus?“ ergänzt die Auseinandersetzung um Strategien der Stimmungsmache. Fotos und Erläuterungen zeigen, wie ein angeblich einheitliches Volk gegen „die da oben“ gestellt wird und Minderheiten zu Sündenböcken gemacht werden. Die Ausstellung regt dazu an, vereinfachende Feindbilder zu hinterfragen und zu erkennen, warum der Verweis auf eine Mehrheit die Ausgrenzung anderer nicht rechtfertigt.
Von Einstellungen zu Taten und zum eigenen Handeln
Warum wenden sich Menschen rechtsextremen Gruppen zu? Im vierten Führungsabschnitt sammelten die Gruppen mögliche Gründe: die Suche nach Halt und Anerkennung, Selbstaufwertung durch Abwertung anderer oder vermeintlich einfache Erklärungen für schwierige Probleme. Die sechste Stele „Jugendliche und Rechtsextremismus“ zeigt dazu Fotos aus der rechtsextremen Erlebniswelt. Musik, Kleidung, Sport und soziale Medien können als Zugang zur Szene dienen. Hinter Gemeinschaftsversprechen und Freizeitangeboten stehen menschenfeindliche Botschaften und die Forderung nach Unterordnung.
Die fünfte Stele „Aus Gedanken werden Taten“ verdeutlicht, wie Einstellungen in Handlungen übergehen können: vom Teilen rechtsextremer Beiträge über organisiertes Engagement bis zu Gewalttaten. Eine zwangsläufige Entwicklung ist das nicht; Menschen können umkehren. Die ausgestellte Statistik zu politisch motivierter Kriminalität bot zugleich Anlass, über rechte Gewalt und mögliche Zusammenhänge mit öffentlichen Debatten zu sprechen.
Zum Abschluss rückten die Betroffenen in den Mittelpunkt. Ein Video am Medientisch stellte Ferat vor, dessen Auto bei einem rechtsextremen Brandanschlag angezündet wurde; die Flammen griffen auf seine Wohnung über. Seine Schilderung macht die anhaltende Angst deutlich und zeigt, wie wichtig Solidarität und öffentliches Engagement sind. Die Dokumentation zu Todesopfern rechter Gewalt ermöglichte zudem den Blick auf einzelne Biografien statt allein auf Zahlen.
Die abschließende Ermutigung knüpfte daran an: menschenfeindlichen Äußerungen im Alltag und online zu widersprechen, Betroffene zu unterstützen und sich zu informieren. Mit ihren Führungen übernahmen die EF-Schüler:innen selbst Verantwortung für demokratisches Zusammenleben. Die Ausstellung gab der Schulgemeinschaft konkrete Anregungen, wie dieses Engagement im Unterricht, im Freundeskreis und über die Schule hinaus weitergehen kann.
Schüler:innen des Sowi-Grundkurses der Jahrgangsstufe EF