Top

Blick in die Lektüre

Blick in die Lektüre 1: Homer

Nach Abschluss des Lehrwerks widmen wir uns der Lektüre, deren Inhalte durch die Vorgaben für das Zentralabitur festgelegt und damit in gewissen Abständen Änderungen unterworfen sind. Wer sich für das Schuljahr 2011/12  für einen Griechischkurs entscheidet, kann sicher sein, dass eine Auswahl aus Homers Odyssee auf dem Programm steht.

Die Odyssee berichtet nicht nur von den Abenteuern des Odysseus, sondern führt den Leser zunächst nach Ithaka, in die Heimat des Odysseus. Dort haben sich am Königshof Männer eingenistet, die Penelope, die mittlerweile zwanzig Jahre auf ihren Mann wartet, heiraten wollen. Telemachos, Odysseus’ Sohn, den dieser als Baby zurückgelassen hat, als er nach Troja aufbrach, ist inzwischen zum jungen Mann herangewachsen, der von Athene den Auftrag erhält, sich bei den Kriegsgefährten seines Vaters nach dessen Verbleib zu erkundigen. So erfährt der Leser zunächst indirekt etwas über Odysseus, bis dieser selbst in den Mittelpunkt des Epos tritt. Wir treffen ihn bei der schönen Nymphe Kalypso, die ganz gegen ihren Willen den Auftrag der Götter erhalten hat, Odysseus nach Hause zu entlassen.

Mit dem selbstgebauten Floß erleidet er – denn Poseidon zürnt ihm noch immer – Schiffbruch, kann sich aber auf die Insel der Phäaken retten, wo ihn die Königstochter Nausikaa in den Palast ihrer Eltern führt. Er kommt dort selbst zu Wort und erzählt in chronologischer Reihenfolge von seinen vielen Abenteuern. Schließlich fahren die Phäaken ihn mit ihren schnellen Schiffen nach Ithaka. Er trifft mit seinem von der Erkundigungsfahrt zurückkehrenden Sohn zusammen, kann die unliebsamen Freier besiegen und schließlich an der Seite seiner Frau Penelope die Herrschaft über Ithaka wieder antreten.

Eingewoben in diesen spannenden Handlungsaufbau findet der Leser Szenen, die menschliche Begegnungen mit psychologischem Blick erzählen und das Publikum bis heute fesseln: die Begegnung von Vater und Sohn, die sich eigentlich gar nicht kennen; die Wiederbegegnung mit der Ehefrau nach 20 Jahren; die Verliebtheit Nausikaas in den abenteuerlichen Fremden.
Die homerische Sprache besticht durch ihre Anschaulichkeit und enthält viele Relikte aus der Zeit, in der die Epen mündlich tradiert wurden. Die Hexameter im Original zu lesen kann durch keine Übersetzung ersetzt werden.

Blick in die Lektüre 2: Griechische Philosophie

Schon das Wort Philosophie (griech.: Weisheitsliebe) zeigt es: Die griechische Antike ist für uns Basis und Ausgangspunkt der Philosophie.

"Ich bin mir bewusst, dass ich weder im großen noch im kleinen weise bin."
So einer der berühmtesten griechischen Philosophen, Sokrates (Plat. Apol. 21b).

Sokrates und sein Schüler Platon nehmen in unserem Griechisch-Kurs einen wichtigen Platz ein. Wir setzen uns mit ihren Denkmodellen auseinander, lernen deren historische Hintergründe kennen und versuchen, die Besonderheit der philosophischen Sprache Platons zu erfassen. Doch Fragen der Philosophie wurzelten schon vor Sokrates und Platon im griechischen Leben. Zunächst beschäftigten sich Dichter in der Ausformung des Mythos mit Göttern und Welterklärung. 

Als erste Epoche der eigentlichen Philosophie gelten die Vorsokratiker. Ort dieser Entwicklung ist Milet an der kleinasiatischen Küste. Dort scheinen sich die philosophischen Fragestellungen durch Kontakte mit den alten Kulturen des mittleren Ostens entwickelt zu haben. Im Mittelpunkt stehen Art und Ursprung der Natur: Es handelt sich um Naturphilosophie. Die Philosophen aus Milet fragen nach dem Urstoff. Für Thales von Milet (7./ 6. Jh. v.Chr.) ist es das Wasser, für Anaximandros das Unbegrenzte, für Anaximenes die Luft.

Pythagoras (6. Jh. v.Chr.) und die Pythagoreer suchten ebenfalls nach einem Basisprinzip in der Natur, fanden es aber nicht in einem Urstoff, sondern in Zahlen und Zahlensystemen. So wird der Grundstein der Verbindung von Mathematik und Philosophie, aber auch für die Erkenntnis der Zusammenhänge von Mathematik und Musik gelegt.

Heraklit von Ephesus (Beginn 5. Jh. v.Chr.) sieht als Basisprinzip fortwährende Bewegung und Veränderung, erst später zusammengefasst in dem Ausspruch "alles fließt" (panta rei). Als Urstoff sieht er das Feuer, in das sich die Welt regelmäßig auflöst und aus dem sie sich wieder neu bildet. Die Eleaten hingegen sehen die Wirklichkeit als etwas unveränderliches, in dem das Seiende ist und das Nicht-Seiende nicht ist.

Die jüngeren Naturphilosophen versuchen, die Meinungen zu versöhnen. Empedokles von Akragas, Sizilien, (5. Jh. v.Chr.) sieht vier Elemente: Feuer, Luft, Wasser, Erde, die nicht entstanden sind. Liebe und Hass sorgen für Bewegung dieser Elemente. Demokrit von Abdera entwickelt die Atomtheorie. Aus den kleinen, unteilbaren Bestandteilen entstehe der Kosmos.

Vor allem in Athen entwickeln sich im 5. Jh. v.Chr. andere Denkformen: die Sophistik und die Lehren des Sokrates. Hier steht nun nicht mehr die Natur, sondern der Mensch selbst im Mittelpunkt der Fragen. Neben Physik macht auch Ethik einen Teil der Philosophie aus. Es erhebt sich die Frage, ob objektives Wissen möglich ist. Die sogenannten Sophisten verneinen das. Wissen und Kenntnis sei subjektiv.

Bezeichnend ist der Homo-Mensura-Satz des Protagoras: "Aller Dinge Maß ist der Mensch, der seienden, dass sie sind, der nicht seienden, dass sie nicht sind." Das Wesen der Gerechtigkeit ist für die Sophisten aus der Natur abzuleiten, so dass man sich in der Regel auf das Recht des Stärkeren beruft. In der Neuzeit fallen hierzu Sozialdarwinismus und Herrenmoral als Stichwörter ein.

Die Sophisten ziehen umher, um die Menschen zu unterweisen, und nehmen für ihre Dienste Geld. Ziel ist es, den Menschen zu ermöglichen, in Gesellschaft und Politik Erfolg zu haben. Rhetorik ist ein wichtiger Beitrag hierzu.

Sokrates stellt sich in starkem Gegensatz zu den Sophisten, auch wenn die zeitgenössischen Athener ihn häufig zu den Sophisten zählten. Für ihn sind Normen und Werte keinesfalls relativ und objektives Wissen ist seines Erachtens möglich. So sucht er denn auch nach den Definitionen dieser Werte.

Über Sokrates’ Leben bestehen verschiedene Anekdoten und lebhafte Eindrücke. Sprichwörtlich geworden ist seine angeblich so zänkische Frau Xanthippe. Im Krieg soll er sehr tapfer und pflichtbewusst gekämpft haben. Seine dialektische Methode vergleicht er mit der Hebammenkunst, sein Äußeres mit dem eines Silens. Sokrates wird als Verkörperung seiner eigenen Philosophie dargestellt. Als er siebzigjährig angeklagt wird, weil er die Jugend verderbe und sich gegenüber den althergebrachten Göttern blasphemisch verhalte, wird er zum Tod verurteilt. Trotz der Möglichkeit zur Flucht trinkt er das Schierlingsgift, ein Motiv, das später in philosophischen Kreisen oft aufgenommen wird.

Sokrates selbst hat keine Schriften hinterlassen. Unsere Kenntnis über ihn haben wir nur indirekt durch die Schriften seines Schülers Platon, ebenso wie durch Werke des Xenophon und – des Komödiendichters Aristophanes. Vor allem die frühen Werke Platons scheinen eher die Gedanken des Sokrates widerzuspiegeln. In diesen Dialogen versucht er, seinen Gesprächspartner zur Definition von Wertbegriffen wie Gerechtigkeit zu bringen, wobei sich herausstellt, dass die zu Anfang so felsenfeste Überzeugung der Gesprächspartner in sich zusammenfällt. Oft steht am Ende keine tatsächliche Definition, sondern Aporie – Ratlosigkeit und Zweifel.

In den späteren Dialogen lässt Platon Sokrates zwar auftreten, scheint aber die sokratischen Ideen weiter entwickelt zu haben. So manifestiert sich Platons Ideenlehre, anschaulich dargestellt im berühmten Höhlengleichnis im siebten Buch seines Werkes 'Der Staat'. Was wir auf der Erde wahrnehmen, ist Platon zufolge nur eine Widerspiegelung der Ideenwelt. 
Platon gründet eine Schule, die Akademie. Aus ihr löst sich später Aristoteles, der Erzieher Alexanders des Großen, und wird zum Begründer des Peripatos. 

In der hellenistischen Zeit (beginnend im 4. Jh. v. Chr.) hat sich das politische und gesellschaftliche Gefüge durch Alexander den Großen grundlegend geändert. Die enge Polisbindung der Menschen ist aufgelöst. Die Philosophie beschäftigt sich vor allem mit dem individuellen Bestehen und Streben, den Zustand des Glücks zu erreichen und sich von der Wechselhaftigkeit des Schicksals zu lösen. Das Hauptinteresse gilt damit nun ethischen Problemen.

Die Stoa stellt in ihrer Ethik das Ideal des Weisen in den Mittelpunkt, der die wahre Glückseligkeit (Eudaimonia) erreicht. Er lebt in Übereinstimmung mit der Natur und Weltvernunft. Alles andere, wie Reichtum, Armut, Gesundheit usw. sind für die Eudaimonia irrelevant. So macht man sich von Gefühlen frei und erreicht den Zustand der Apathie. Der Stoizismus wird in Rom sehr populär. Seine philosophischen Grundsätze sind uns auch vor allem durch Seneca bekannt. Der Stoizismus zeigt deutlich Berührungspunkte mit der christlichen Ethik.

Die Epikureer meinen hingegen, der Zustand des Glückes sei über die Lust (Hedone) zu erreichen. Allerdings geht es nicht darum, einfach allen Begierden uneingeschränkt nachzugehen, sondern man muss abwägen, ob nicht dadurch, dass den Begierden nachgegeben wird, negative Folgen hervorgerufen werden.