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Analyse dramatischer Texte

Textanalyse: Szenische Texte - dramatische Szenen

1. Mögliche Analyseverfahren

  1. Strukturanalyse: Aufbau einer Szene nach den Handlungsschritten, der gedanklichen Gliederung, der Dialogentwicklung - mit Formen der Steigerung, Zuspitzung und Pointierung oder der Beruhigung und Entspannung oder der Verwirrung und Lösung etc. - mit Formen der Parallelführung, Handlungsstränge mit Haupthandlung und Nebenhandlungen, finale Gestaltung, Kreisform, assoziativen Verkettung, Kontrastierung etc.; Verknüpfung der Szene nach hinten und vorne zu den benachbarten Szenen und im gesamten Stück, Funktion einer Szene in der Szenenfolge und im Spannungsbogen...
  2. Konfliktanalyse: Konfliktparteien, Konfliktpunkte, Entscheidungsrichtungen, Handlungsmöglichkeiten, Mittel der Konfliktaustragung...
  3. Argumentations- und Motivanalyse: Positionen und Absichten (Intentionen) der Protagonisten; Argumente für oder gegen eine Entscheidungsrichtung; Formen der Begründung; Ausschluss oder Rechtfertigung einer Entscheidung; psychologische und persönliche Motive sowie politische und soziale Ursachen für die Absichten der Protagonisten...
  4. Kommunikationsanalyse: s.u.
  5. rhetorische Analyse: Einsatz rhetorischer Mittel, Redestrategien, stilistische und klangliche Mittel, bildliche Sprache

Kommunikationsanalyse zur Untersuchung von Gesprächs- und Redesituationen

  1. Situationsanalyse: Welche Faktoren der Situation bestimmen vor allem die Art und das Zusammenspiel des Handelns und des Redens?
    Ort / Raum, Zeit, Klima, Atmosphäre, Umstände, Gegenstände, Personen, Rollenverteilung, Gefühle, wirtschaftliche Lage, körperliche Befindlichkeit etc.
  2. Handlungsanalyse: Welche Handlungen wirken vor allem auf die Situation und das Gespräch ein oder gehen aus ihnen hervor?
    Handlungs-/Entscheidungsträger, Handlungsbedingungen; Arten des Handelns: konkrete Handlungen: aufstehen, Kaffee eingießen, Formular reichen...; nonverbale Handlungen: lächeln, sich räuspern, mit den Fingern trommeln...; verbale Handlungen (s.u.); vorausgehende Handlungen (Auslöser): ein Kopfschütteln, eine freundlicher Klaps auf die Schulter...; Folgehandlungen (Ergebnis): eine Ablehnung, ein Handschlag, ein Vertrag...; erinnerte Handlungen: Erfahrungen mit dem Gegenüber...; vorgestellte Handlungen: unterdrückte Wunschvorstellungen, erwartete Handlungen in der Zukunft ... etc.
  3. Rede-/Gesprächsanalyse: Welche Bedeutung haben Gesprächs- oder Redeteile für die Situation und die konkreten Handlungen?
    Sprachliche Handlungen: bitten, fordern, lügen, beschuldigen, danken, Rat erteilen, bestreiten...; Sprachstile der Figurenreden: zeittypische Formen, geschlechtsspezifisch, enge personale Perspektive...; Redeorganisation: Ordnung, Vergabe des Rederechts, Sprecherwechsel, Unterbrechungen; Gesprächsinitiativen: Impulse, Redeanteile, Dominanz; Gesprächsstörungen: mangelnde Eindeutigkeit, Missverständnis, Ironie, Zweideutigkeit, Anspie­lungen - Zurückhaltung von Informationen, Formen der Zensur, des Lügens, der Täuschung, des Übergehens - mangelnder Adressatenbezug, Sprecher achtet nicht auf Verständlichkeit etc.; rhetorische Mittel: Appelle, Akkumulation, Anaphern, Metaphern, ...; Intonation, Pausen, Schweigen etc.

2. Technik des Dramas

Nach Gustav Freytags Lehre („Die Technik des Dramas“, 1863) muss das Drama seine Handlung in einer ganz bestimmten Weise führen, wenn es organisch von einem Anfang, wo noch gar nichts vorauszusetzen ist, zu einem Schluss führen will, wo alles endgültig entschieden ist. Diese innere Spannungslinie muss einige Elemente und Teile enthalten, ohne die dramatische Entwicklung nicht möglich scheint:

  1. Die Exposition. Sie muss die wesentlichen Einzelheiten der Vorgeschichte vorführen und den Zuschauer mit dem gegenwärtigen Zustand der handelnden Personen vertraut machen.
  2. Das erregende Moment. Durch dieses tritt zum früheren Zustand etwas Neues hinzu, durch das die Handlung ausgelöst wird. Der neue Umstand wird zum Motiv für den Helden oder seine Gegenspieler.
  3. Die aufsteigende Handlung. Haben wir es mit einer Tragödie zu tun, so wird der durch das erregende Moment zur Tat getriebene Held zunächst allen Widerständen gegenüber erfolgreich scheinen. Es sieht aus, als werde er sein Ziel erreichen.
  4. Das kontrastierende Moment. Es bringt dasjenige ins Spiel, was als bedeutende und gefährliche Gegenkraft den Helden bedroht. Man kann es als „zweites erregendes Moment“ bezeichnen.
  5. Der Höhepunkt. Er liegt meist in der Mitte des Dramas. Der Held scheint sein Ziel erreicht zu haben. Wir stehen an einem „Scheinschluss“ des Dramas.
  6. Das tragische Moment. Es folgt unmittelbar dem Höhepunkt und bringt denjenigen Umstand oder Konflikt, durch den der schließliche Untergang des Helden eingeleitet wird.
  7. Die fallende Handlung. Sie umfasst den durch das tragische Moment eingeleiteten Teil des Dramas bis zum Schluss.
  8. Das retardierende Moment. Ein verzögernder Umstand, durch den Untergang und Tod des Helden noch einmal abgewendet zu werden scheint, eine letzte Erhöhung der Spannung.
  9. Die Lösung. Sie erscheint in der Tragödie als Katastrophe, das heißt Untergang des Helden, im Schauspiel als Aufhebung des Konflikts.

3. Einzelne Methoden beim Umgang mit dramatischen Texten – analytische wie produktive

  • Lesen mit verteilten Rollen, szenisches Lesen/Darstellen, szenisches Interpretieren
  • Vermittlung durch Medien (Video, Audio, Theater...)
  • Grafik zur Personenkonstellation, zur Konfliktkette, zur zeitlichen Entwicklung, zum Spannungsbogen
  • Szenenbild entwerfen: Grundriss der Bühne, Kulis­sen; Standbilder bauen...
  • Szene als Hörfassung auf Kassette aufnehmen
  • Textanalyse: s.o.
  • Rezension zum Stück schreiben
  • an Entscheidungssituationen die Handlungsbedingungen zurückverfolgen (Psychogenese, Soziogenese)
  • Alternativszene entwickeln, in der ein Protagonist eins Handlungsalternative ergreift, die nicht im Text vorkommt, und dialogisieren
  • Charakterisierung einer Person auf der Grundlage einer ausgewählten längeren Textstelle oder im Überblick über den gesamten Text, als Verknüpfung analytischer und synthetisie­render Tätigkeiten: keine vorurteilshafte Beurteilung der Person (!), sondern Analyse ihrer Her­kunft und Entwicklung, des Auftretens, der Aussagen, des Entscheidens und Handelns der Person selbst, der Motive, der Einschätzung durch andere Figuren im Text, der besonderen Behandlung/Kommentierung der Person durch den Autor; beschreibende, mit Textstellen begründende vergleichende, erörternde, ver­knüpfende und wertende Passagen im Schülertext; bei Bewertungen ist die historische Differenz zu beachten: unterschiedliche Normen und Maßstäbe in verschiedenen Epochen
  • in „Schreibkontakt“ mit Textfiguren treten: z.B. einen Brief an einen Protagonisten schreiben, einen Gedankengang parallel zum Dialog verfassen (innerer Monolog)
  • über Protagonisten „zu Gericht sitzen“: in einem Gerichtsverfahren Konfliktlage und Schuldfrage klären
  • Zusammenstellung von Hintergrundinformationen (histor., soziolog., psycholog., biographisch...)
  • Herstellung eines Features über das Stück: Originalpassagen aus dem Stück, Hintergrundinformationen zur Epoche/zum Autor, interpretierende Kommentare zum Stück (eigene/von Fachleuten), Berichte von Aufführungen etc.

4. Aufgabenstellungen für eine Klausur

  • Szenenanalyse mit erweiterndem Schreibauftrag: z.B. Analyse eines Monologs, einer Szene nach eingeübtem Analyseverfahren und Erläuterung der Bedeutung der Szene im Konfliktverlauf oder Vergleich der Positionen eines Protagonisten in zwei verschiedenen Szenen
  • Analyse eines expositorischen Textes mit erweiterndem Schreibauftrag: Theaterrezension mit eigener Stellungnahme
  • argumentative Entfaltung eines Sachverhalts, z.B. als Erörterung im Anschluss an einen theatertheoretischen Sachtext

Quelle: http://www.fachdidaktik-einecke.de